Menschen mit ADHS brauchen Struktur. Das hört man oft – und es stimmt. Aber es ist nur die halbe Wahrheit.
Was wir wirklich brauchen, ist Flexibilität innerhalb einer Struktur. Genau deshalb funktioniert die Bullet-Journal-Methode für so viele ADHS-Menschen so gut. Nicht, weil sie besonders ordentlich ist, sondern weil sie beweglich bleibt.
Warum Struktur für ADHS nicht genug ist
ADHS fühlt sich für viele nicht nach Chaos im Außen an, sondern nach Chaos im Kopf. Wie tausend offene Tabs im Browser. Alles läuft gleichzeitig. Alles ist wichtig. Und nichts schließt sich von selbst.
Struktur kann helfen – aber nur, wenn sie nicht zusätzlichen Druck erzeugt. Viele Systeme tun genau das. Sie gehen davon aus, dass Denken linear funktioniert, dass Tage gleich verlaufen und dass ein System für alle passt. Für ADHS-Gehirne ist das selten der Fall. Was eigentlich entlasten soll, wird dann schnell zur nächsten Überforderung.
Flexibilität innerhalb einer Struktur – warum die Bullet-Journal-Methode funktioniert
Viele klassische Organisationssysteme scheitern bei ADHS, weil sie zu starr sind.
Typische Beispiele sind:
- feste Tageslayouts
- vorgegebene Kalenderstrukturen
- Systeme, die davon ausgehen, dass jeder Tag gleich funktioniert
ADHS-Gehirne arbeiten aber nicht linear. Energie, Fokus und Belastbarkeit schwanken. Die Bullet-Journal-Methode bietet hier einen klaren Rahmen, lässt aber gleichzeitig Raum für Anpassung. Layouts dürfen sich verändern, Elemente dürfen verschwinden, Neues darf dazukommen. Genau diese Flexibilität innerhalb einer Struktur ist der entscheidende Punkt.

Die Bullet-Journal-Methode kommt aus ADHS
Was viele nicht wissen: Der Erfinder der Bullet-Journal-Methode, Ryder Carroll, lebt selbst mit ADHS. Er hat dieses System nicht entwickelt, um besonders produktiv zu wirken, sondern um mit den eigenen Herausforderungen im Alltag besser umgehen zu können.
Die Methode ist kein theoretisches Ordnungssystem, sondern aus einem echten neurodivergenten Bedarf entstanden. Das erklärt auch, warum sie sich nicht wie ein starres Regelwerk anfühlt, sondern eher wie ein Werkzeugkasten, aus dem man sich das nimmt, was gerade passt.
Warum ich mit dem Bullet Journal angefangen habe – lange vor meiner Diagnose
Ich nutze seit über zehn Jahren ein Bullet Journal. ( Ich begann ca. ein Jahr nachdem ich mich selbständig gemacht habe). Damals wusste ich noch nicht, dass ich ADHS habe. Ich wusste nur, dass alles andere für mich nicht funktioniert.
Ich habe damals nicht gedacht: Ich brauche ein System.
Ich habe gedacht: Ich verliere sonst den Überblick.
Erst mit meiner Spätdiagnose wurde mir klar, warum ich so früh intuitiv zu diesem System gegriffen habe. Ich habe mir kein Ordnungssystem gesucht – ich habe mir eines gebaut, das zu meinem Kopf passt.
Vier Kinder, Selbstständigkeit und Mental Load
Ich habe vier Kinder. Ich habe mich vor elf Jahren selbstständig gemacht. Und ich führe seit über zehn Jahren ein Bullet Journal.
Ich habe meine komplette Familie damit organisiert:
- Schule und Termine
- Alltag und Care-Arbeit
- das, was man sonst noch „nebenbei“ im Kopf behalten muss
Parallel dazu habe ich zwei Unternehmen aufgebaut:
- meine Dienstleistung mit Graphic Recording und Workshops und Illustration
- meinen Onlineshop
Ganz ehrlich: Ohne mein Bullet Journal wäre ich heute komplett lost. Nicht, weil ich nicht leistungsfähig wäre, sondern weil mein Kopf ein System braucht, das ihn entlastet und Dinge aus dem Denken herausnimmt.
Sichtbarkeit: Was ich nicht sehe, gibt es nicht
Ein zentraler Aspekt bei ADHS ist Sichtbarkeit. Was ich nicht sehe, existiert für mein Gehirn nicht.
Deshalb schreibe ich jeden Sonntag eine Wochenübersicht mit einer gezeichneten Kalenderansicht. Meine Termine stehen auch digital, aber es geht mir nicht um Speicherung. Es geht mir um Überblick. Ich muss sehen, was kommt, um es einordnen zu können.
Das Zeichnen ist dabei kein dekoratives Extra, sondern ein kognitiver Schritt.

Schreiben mit der Hand – Denken in Zeitlupe
Für viele neurodivergente Menschen ist das Denken sehr schnell. Gedanken rasen, springen, überholen sich gegenseitig. Wie tausend offene Tabs im Kopf.
Wenn ich tippe, bin ich genauso schnell wie meine Gedanken.
Wenn ich schreibe, passiert etwas Entscheidendes: Ich reduziere mich auf die Geschwindigkeit des Schreibens.
Die Gedanken müssen sich anpassen. Sie werden langsamer. Und dadurch sortierbar. Aus vielen offenen Tabs werden nach und nach einzelne Fenster.
Schreiben ist für mich kein Dokumentieren.
Es ist Denken in Zeitlupe.
Weiterentwickeln statt kopieren
Die Bullet-Journal-Methode nach Ryder Carroll ist für mich eine Basis, kein Regelwerk. Ich habe sie über die Jahre für mich weiterentwickelt – und genau dazu ermutige ich auch alle Teilnehmenden in meinen Workshops.
Ich sage dort immer ganz klar:
- Probiert Dinge aus
- Behaltet, was euch hilft
- Verwerft, was euch stresst
Ein Bullet Journal darf sich verändern. Es muss sich sogar verändern, wenn es langfristig funktionieren soll.

Und was ist mit Deko
Deko ist optional. Sie ist kein Kriterium für ein funktionierendes Bullet Journal.
Wenn sie Freude macht, ist das wunderbar. Wenn sie stresst, darf sie weg. Ein funktionales Journal ist immer besser als ein perfektes, das nicht genutzt wird.
Die Bullet-Journal-Methode als neurodivergentes Werkzeug
Für mich ist die Bullet-Journal-Methode kein Produktivitätshack. Sie ist ein Übersetzungstool zwischen meinem Kopf, meinem Alltag, meiner Familie und meiner Arbeit.
Sie gibt mir Struktur und lässt mir gleichzeitig die Freiheit, sie immer wieder neu anzupassen.
Und genau deshalb funktioniert sie bei ADHS so gut.
Wie organisierst du dich aktuell –
und was funktioniert für dich wirklich?
Schreib es gern in die Kommentare.
Deine Diana, ich zeichne dann mal was.



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