Graphic Recording digital oder analog? Was ich bei Fachtagen empfehle

alle Blogbeiträge, Graphic Recording

Diana Soriat neben ihrem Graphic Recording beim Fachtag Ernährungswende

Bevor ich bei einem Fachtag den ersten Strich mache, stelle ich meinen Auftraggebern immer dieselbe Frage: „Wie hätten Sie es gern? Auf der großen Wand oder digital?“

Erstaunlich oft ist die Antwort ein kurzes Schweigen. Und dann: „Ach, das kann man sich aussuchen?“

Ja, kann man. Und die Antwort verändert mehr, als man denkt. Sie entscheidet, wer das Bild wann sieht, wie viel Platz ich im Raum brauche, was die Technik vorbereiten muss und was mit dem Ergebnis nach dem Tag passiert.

Im September hatte ich zwei Fachtage kurz hintereinander, die die beiden Antworten fast wie im Lehrbuch zeigen. Einmal habe ich klassisch auf der Wand gezeichnet, einmal komplett auf dem iPad. An diesen beiden Tagen zeige ich dir, was die Formate können, wo sie an ihre Grenzen kommen und was ich mit Veranstaltern vorher gemeinsam durchgehe.

Die Wand: Fachtag Ernährungswende in Bremen

Diana Soriat vor dem analogen Graphic Recording beim Fachtag Ernährungswende in Bremen
Live gezeichnet auf der Graphic Wall: Fachtag Ernährungswende, September 2026

Beim Fachtag Ernährungswende im Auftrag der Senatorin für Umwelt, Klima und Wissenschaft stand meine Wand mitten im Raum: die Graphic Wall V3 von Neuland, eine große, fahrbare Zeichenfläche, dazu Marker, Kreiden und ich. Auf dem Podium diskutierten Menschen aus Politik, Gemeinschaftsverpflegung und Schule. Es ging um Bio in der Gemeinschaftsverpflegung, um Kinderarmut, um Geld, um Personal und um die Frage, wie aus einem Aktionsplan auf Papier echte Mahlzeiten auf Tellern werden.

Das Besondere an der Wand ist, dass alle zusehen können, wie das Bild entsteht. Niemand muss auf einen Bildschirm schauen oder auf das Ergebnis warten. Die Gedanken aus der Diskussion landen sichtbar im Raum, Satz für Satz, Figur für Figur. Und das macht etwas mit den Menschen. Sie sehen, dass ihr Beitrag ankommt. Sie erkennen ihre eigenen Sätze wieder. Und das Bild wird selbst zum Gesprächsanlass, weil man davorstehen und darauf zeigen kann.

Gerade bei einem Thema wie der Ernährungswende, bei dem viele verschiedene Perspektiven aufeinandertreffen, hilft das enorm. Die Schülerin, die sagt „Wir werden kaum informiert“, steht auf derselben Wand wie die Politik mit „Wir müssen die Ziele absichern“. Beide Sätze bekommen denselben Platz. Das ist für mich der Kern von Graphic Recording: Es sortiert, ohne zu werten.

Und was passiert nach dem Tag?

Eine Wand hat einen Haken: Das Bild ist Papier. Ein Foto davon ist schön für Social Media, aber für Berichte, Präsentationen oder die Website reicht es oft nicht. Es ist schief, hat Spiegelungen oder einen Blumentopf im Bild. (Auf meinem Foto ist es tatsächlich eine Pflanze.)

Deshalb habe ich das Bild anschließend in einer Druckerei professionell digitalisieren lassen. Heraus kommt eine hochaufgelöste, gerade Datei, die man drucken, in Berichte einbauen oder auf die Website stellen kann.

Analoges Graphic Recording vom Fachtag Ernährungswende in Bremen und Bremerhaven, digitalisiert, von Diana Soriat
Die digitalisierte Fassung

Das fehlende P

Und jetzt gestehe ich dir etwas. Wenn du genau hinschaust, stand auf der Wand unten links in großen Buchstaben: ANSRUCH & REALITÄT.

Ansruch. Ohne P.

Das passiert. Wer live zeichnet, schreibt mit, während schon der nächste Gedanke im Raum steht. Auf dem Papier hätte ich das nicht mehr sauber korrigieren können. Nach dem Digitalisieren war es eine Sache von zwei Minuten am iPad: Das P ist eingesetzt, und kein Mensch sieht, dass es mal gefehlt hat.

Ausschnitt der Wand beim Fachtag Ernährungswende: ANSRUCH ohne P
Vorher: auf der Wand
Ausschnitt der digitalisierten Fassung: ANSPRUCH, korrigiert am iPad
Nachher: digital korrigiert

Für mich zeigt diese kleine Geschichte gut, dass analog und digital kein Entweder-oder sein müssen. Die Wand liefert das Erlebnis im Raum, die digitale Nachbearbeitung das saubere Ergebnis für danach.

Das iPad: Fachtag Quartiersentwicklung

Digitales Graphic Recording Fachtag Quartiersentwicklung Bremen Tag 1
Digital gezeichnet: Fachtag Quartiersentwicklung, Tag 1

Ganz anders lief es beim Fachtag Quartiersentwicklung Anfang September, für den mich p+t planung gebucht hatte. Zwei Tage, drei Quartiere – Ellener Hof, Hachez Quartier und Eldon-Burke-Quartier – und nicht nur verschiedene Räume, sondern drei verschiedene Standorte: zwei in Bremen, einer in Bremen-Nord.

Meine Wand hat zwar Rollen, und von einem Raum in den nächsten zu wechseln, ist kein Problem. Aber quer durch die Stadt, mit zwei Metern Zeichenfläche im Kofferraum? Das wäre nicht gegangen. Das iPad war hier nicht die schickere Wahl, sondern die einzige, die funktioniert.

Und es konnte noch mehr. Jeder Tag bekam sein eigenes Bild, und die Themen, die sich durch alle Quartiere gezogen haben, tauchen in beiden auf. Auf dem iPad arbeite ich mit Ebenen und kann an einem Bild weiterarbeiten, während das nächste schon begonnen hat. Manchmal verwende ich auch Elemente wieder, etwa für Themen, die immer wieder auftauchen.

Am zweiten Tag haben wir das Bild vom Vortag gezeigt, als Rückblick und Einstieg zugleich. Die Menschen konnten anknüpfen, statt wieder bei null anzufangen.

Digitales Graphic Recording Fachtag Quartiersentwicklung Bremen Tag 2
Fachtag Quartiersentwicklung, Tag 2

Digital heißt nicht gleich digital

Wer sich für digitales Graphic Recording entscheidet, hat damit erst die halbe Entscheidung getroffen. Die zweite Frage lautet: Wer sieht das Bild wann? Da gibt es drei Varianten.

1. Im Hintergrund
Ich zeichne am iPad, aber das Bild wird während der Vorträge nicht gezeigt. Das wünschen sich manche Auftraggeber ganz bewusst, damit die Aufmerksamkeit bei den Vortragenden bleibt und niemand zwischen Sprecherin und Zeichnung hin- und herschaut. Das Bild wird dann in der Pause oder am Ende gezeigt, oft mit einem kleinen Aha-Moment im Saal.

2. Auf einer eigenen Leinwand
Manchmal gibt es zwei Leinwände: eine für den Vortrag und die Präsentation, eine für mich. Dann sieht das Publikum live, wie das Bild wächst, ähnlich wie bei der Wand, nur eben projiziert. Das braucht Platz im Raum, einen zweiten Beamer und eine kurze Absprache mit der Veranstaltungstechnik.

3. Gestreamt
Bei hybriden oder Online-Formaten kann das Bild auch in den Stream eingespielt werden. Dann sehen es Menschen, die gar nicht im Raum sind.

Meine Erfahrung: Das sollte man nicht erst am Morgen der Veranstaltung klären. Ob ein zweiter Beamer da ist, welche Anschlüsse er hat und ob mein Platz in der Nähe einer Steckdose liegt, sind kleine Fragen, die einen großen Unterschied machen.

Wand und iPad im ehrlichen Vergleich

Wand (analog)iPad (digital)
Sichtbarkeit im RaumImmer da, alle sehen zuNur mit Beamer und Leinwand
MobilitätFahrbar: andere Räume ja, Stockwerke und Standorte kaumMehrere Räume, Etagen und Standorte
PlatzbedarfGroße Fläche, StellwandEin Tisch, eine Steckdose
TechnikKeineBeamer, Kabel, Absprache mit der Technik
Nach dem TagDigitalisierung nötigSofort als Datei verfügbar
KorrekturenAuf der Wand kaum möglichJederzeit, auch im Nachhinein
WirkungHaptisch, beeindruckend, „echt“Flexibel, sauber, gut weiterzuverwenden

Es gibt kein Format, das grundsätzlich besser ist. Es gibt nur eines, das besser zu deiner Veranstaltung passt.

Und manchmal: beides

Beim ibs-Fachtag 2024 habe ich beides kombiniert: im Plenum die große Wand, die die Keynote und die Diskussion begleitet hat. Die Workshops fanden auf verschiedenen Etagen statt. Mit der Wand auf Rollen komme ich zwar von Raum zu Raum, aber nicht die Treppe hoch. Also habe ich dort mit dem iPad gearbeitet. Am Ende gab es ein großes Bild für alle und dazu die Ergebnisse aus den einzelnen Gruppen.

Auch der Fachtag Ernährungswende zeigt ja eine Mischform: analog gezeichnet, digital weiterverarbeitet.

Was wir im Vorgespräch gemeinsam durchgehen

„Wie hätten Sie es gern?“ Auf diese Frage gibt es keine pauschale Antwort. Thema, Raum, Ablauf und das, was mit dem Bild danach passiert, spielen alle mit hinein. Diese Fragen helfen uns, es gemeinsam herauszufinden:

  1. Worum geht es, und wer ist dabei? Manche Themen brauchen die große Bühne im Raum, andere eher einen ruhigen Rahmen im Hintergrund.
  2. Bleiben alle in einem Raum, oder wird gewechselt? Mit der fahrbaren Wand komme ich von Raum zu Raum. Bei mehreren Etagen oder Standorten schauen wir, ob das iPad praktischer ist.
  3. Soll das Publikum beim Entstehen zusehen? Das geht an der Wand oder auf einer eigenen Leinwand. Wer den Fokus ganz beim Vortrag lassen möchte, kann das Bild auch erst zur Pause zeigen.
  4. Was passiert mit dem Bild danach? Für Bericht, Website oder Druck braucht ihr eine gute Datei. Die gibt es digital sofort, und die Wand lasse ich digitalisieren.
  5. Welche Technik und wie viel Platz gibt es vor Ort? Gibt es einen zweiten Beamer und eine Ansprechperson für die Technik? Gibt es eine freie Fläche, an der Menschen auch mal stehen bleiben können?

Meistens ist es nach diesen Fragen ganz klar. Und wenn nicht, probieren wir manchmal auch beides.

Mein Fazit

Ich liebe beide Formate, aus unterschiedlichen Gründen. Die Wand ist das Erlebnis: groß, sichtbar, mitten im Geschehen. Das iPad ist die Freiheit: mobil, flexibel und nach dem Tag sofort nutzbar.

Warum Bilder überhaupt so gut wirken, habe ich übrigens in meinem Artikel Warum Visualisierung wirkt – und was KI (noch) nicht kann aufgeschrieben. Und wie ein Graphic Recording bei mir abläuft, mit vielen weiteren Beispielen, findest du auf meiner Seite Graphic Recording.

Du planst einen Fachtag, eine Konferenz, eine Führungskräfteveranstaltung oder einen Workshop mit deinem Team und überlegst, ob ein Graphic Recording dazu passt? Schreib mir gerne, dann schauen wir zusammen, welches Format zu deiner Veranstaltung passt.

Deine Diana, ich zeichne dann mal was.

Häufige Fragen zu digitalem und analogem Graphic Recording

Braucht man für digitales Graphic Recording einen Beamer?

Nur, wenn das Publikum live zusehen soll. Ich kann auch im Hintergrund zeichnen, dann wird das Bild in der Pause oder am Ende gezeigt.

Kann man ein analoges Graphic Recording digitalisieren?

Ja. Das Bild wird nach der Veranstaltung professionell digitalisiert. So entsteht eine hochaufgelöste Datei für Druck, Bericht und Website. Kleine Korrekturen sind danach sogar noch möglich.

Was ist besser für mehrere Räume oder Standorte?

Für Räume auf einer Etage reicht die fahrbare Wand. Bei mehreren Etagen oder Standorten ist das iPad meistens praktischer. Beim Fachtag Quartiersentwicklung waren es drei Standorte an zwei Tagen.

Kann man analog und digital kombinieren?

Ja, zum Beispiel die Wand im Plenum und das iPad in den Workshops. Oft ist genau diese Mischung die beste Lösung.

Sketch Stuff Shop

Lust, deine Ideen aufs Papier zu bringen?
Im Sketch Stuff Shop findest du alles, was du dafür brauchst: Von liebevoll ausgewählten Stiften über Journals und Bücher bis hin zu kleinen Schätzen fürs Bullet Journaling.

Workshops

Willst du lernen, wie du deine Ideen sichtbar machst? In meinen Workshops zeige ich dir, wie Sketchnotes & Bullet Journaling ganz leicht von der Hand gehen, auch wenn du glaubst, du könntest nicht zeichnen.

2 Kommentare

  1. Frauke Müller

    Liebe Diana,

    danke für deine Nachricht.
    Ich finde es so passend, dass dir gerade bei „Anspruch und Realität“ das P fehlte.
    Wie ein „Freudscher Versprecher“, weil die Realität einfach nie perfekt ist und Fehler der Vorteil unser Menschlichkeit in einer sehr künstlichen und gestylten Welt sind.

    Ich bewundere deine Arbeit und sende dir herzliche Grüße

    Frauke

    Antworten
    • Diana Soriat

      Liebe Frauke,

      was für eine schöne Sichtweise, danke dir! Ich hab mich beim Lesen richtig gefreut. Genau so ist es ja: Der Anspruch ist perfekt, die Realität hat manchmal ein P weniger. Und vielleicht ist das sogar das ehrlichste Bild für das, worum es ging.

      Herzliche Grüße zurück,
      Diana

      Antworten

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert