Warum Visualisierung wirkt – und was KI (noch) nicht kann

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Kita-Anmeldekiosk der AWO Bremen – Illustration von Diana Soriat

In den letzten Wochen hatte ich drei Aufträge, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Ein Fachkongress zur öffentlichen Beschaffung. Ein Kiosk, an dem Eltern ihr Kind für die Kita anmelden. Und das Führungsleitbild eines Bremer Wohnungsunternehmens.

Drei Welten, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Und trotzdem zeigen sie alle dasselbe: Ein Bild erreicht Menschen da, wo Worte an ihre Grenzen kommen.

Ich möchte dir heute von diesen drei Projekten erzählen. Nicht, weil sie so schön anzusehen sind (das auch), sondern weil man an ihnen richtig gut versteht, warum Visualisierung funktioniert. Und warum die Frage, die mir gerade alle stellen – „Macht das nicht bald die KI?“ – komplizierter ist, als sie klingt.

Live mitgezeichnet: Graphic Recording beim XSE-Dialog

Fangen wir mit dem trockensten Thema an. Anfang Mai war ich zwei Tage beim XSE-Dialog in Bremen – ein Kongress rund um die Zukunft der öffentlichen Beschaffung. Datenqualität, Standardisierung, rechtliche und technische Harmonisierung. Themen, bei denen die meisten Menschen innerlich schon wieder aus dem Raum gehen, bevor der erste Vortrag zu Ende ist.

Genau deshalb war ich da. Meine Aufgabe: die beiden Tage als Graphic Recording festhalten. Also live mitzeichnen, während vorne gesprochen wird. Kein hübsches Bild hinterher am Schreibtisch, sondern in dem Moment, in dem die Gedanken entstehen.

Falls du mit dem Begriff nichts anfangen kannst: Graphic Recording heißt, dass ich zuhöre, filtere und das Wesentliche in Bild und Text übersetze – in Echtzeit. Am Ende von zwei Tagen voller Folien und Fachbegriffe stehen zwei große Bilder, auf denen man den roten Faden auf einen Blick sieht.

Und das ist der Punkt: Der gesprochene Vortrag ist nach fünf Minuten weg. Die Folie klickt weiter. Aber das Bild bleibt. Man kann davor stehen, mit dem Finger darüberfahren und sagen: „Ah, hier ging es also los, und da hängt das mit dem anderen Thema zusammen.“ Visualisierung macht aus einem flüchtigen Tag etwas, das man behalten kann.

Was ich bei solchen Veranstaltungen immer wieder erlebe: In der Pause stehen die Leute vor dem Bild und diskutieren. Nicht über die Zeichnung, sondern über die Inhalte. Das Bild wird zum Gesprächsanlass. Es holt Themen zurück in den Raum, die sonst längst wieder vergessen wären. Genau dafür ist es da.

Graphic Recording beim XSE-Dialog der KoSIT in Bremen von Diana Soriat
Mein Graphic Recording vom XSE-Dialog – zwei Tage Fachkongress auf einen Blick.

Eine Zeichnung, die keine Sprache braucht: der AWO Kita-Anmeldekiosk

Das zweite Projekt hat mein Herz noch ein bisschen mehr berührt. Die AWO Bremen hat in Gröpelingen einen Kita-Anmeldekiosk eröffnet. Eine Anlaufstelle, an der Eltern Hilfe bekommen, wenn sie ihr Kind für die Kita anmelden wollen. Besonders für Familien, die noch nicht lange in Deutschland leben oder wenig Deutsch sprechen.

Und jetzt stell dir vor, du kommst neu in ein Land, sprichst die Sprache kaum, und sollst dich durch ein Behördenthema arbeiten. Ein Text hilft dir da wenig – egal, wie freundlich er formuliert ist. Ein Bild schon.

Ich durfte für den Kiosk eine Illustration zeichnen. Eine, die ohne Worte erklärt: Hier bekommst du Hilfe, hier bist du willkommen, so läuft das ab. Ein Bild braucht keine Übersetzung. Das ist keine nette Nebensache – das ist der ganze Sinn.

So entsteht so eine Zeichnung

Weil mich immer wieder Leute fragen, wie so eine Visualisierung eigentlich entsteht, nehme ich dich hier einmal mit hinter die Kulissen. Denn ein fertiges Bild sieht am Ende so selbstverständlich aus, dass man vergisst, wie viele Entscheidungen darin stecken.

Am Anfang stehen die einzelnen Bausteine. Erst die Szene am Kiosk selbst: Eltern, die davorstehen, das Kita-Portal auf dem Bildschirm, eine Lupe, die zeigt „Kind plus Anmeldung ergibt Kita-Platz“. Dann ein zweites Element: ein Zug aus Familien, ganz unterschiedliche Menschen, die gemeinsam losgehen. Und ein drittes: die Kita selbst, mit spielenden Kindern, Vorlesen, einem Kind auf dem Roller.

Jedes dieser Elemente funktioniert für sich. Aber die eigentliche Arbeit ist, sie so zusammenzusetzen, dass eine Geschichte daraus wird. Dass das Auge weiß, wo es anfangen und wo es hinschauen soll. Erst dann entsteht das Gesamtbild – und danach kommt die Farbe dazu.

Zusammengesetztes Gesamtbild der AWO-Illustration in Schwarz-Weiß
Alle Bausteine zusammengesetzt – das Gesamtbild, noch in Schwarz-Weiß.

Das Ergebnis ist die kolorierte Illustration, die jetzt am Kiosk und im Magazin der AWO zu sehen ist. Auf der Infokarte und in der Broschüre siehst du am Ende immer nur einen Ausschnitt – ein Bild. Das komplette Wimmelbild aber ist für das Schaufenster des Kiosks gedacht. Dort kann man in Ruhe davorstehen und entdecken, wie die einzelnen Szenen ineinandergreifen: die Anmeldung, der Weg dorthin, die Kita am Ende.

Koloriertes Gesamtbild Kita-Anmeldekiosk der AWO Bremen
Das komplette, kolorierte Wimmelbild – so kommt es aufs Schaufenster des Kiosks.

Wenn du die einzelnen Schritte nebeneinanderlegst, siehst du genau, was Visualisierung ausmacht: Aus vielen losen Teilen wird ein Bild, das man auf einen Blick versteht. So entsteht jede meiner Illustrationen – viele weitere Arbeiten findest du in meinem Portfolio.

Ein Leitbild, das man betreten kann: die BREBAU

Das dritte Projekt führt mich zur BREBAU, einem Bremer Wohnungsunternehmen. Und zwar schon zum dritten Mal – ich durfte bereits das dritte Leitbild für sie visualisieren. Diesmal ging es um ihr Führungsleitbild. Also die Frage: Wie wollen wir eigentlich miteinander arbeiten, wofür stehen wir?

Solche Leitbilder gibt es in fast jedem Unternehmen. Und in fast jedem Unternehmen liegen sie in einer Schublade oder in einem PDF, das keiner öffnet. Weil sie als reiner Text abstrakt bleiben. „Wertschätzung, Sinnhaftigkeit, Sicherheit, Beständigkeit“ – schöne Worte, aber schwer zu greifen.

Also haben wir daraus ein Haus gemacht. Die Werte tragen als Stockwerke das Gebäude, darüber die Botschaft „Wir schaffen Raum zum Leben“. Auf einmal kann man das Leitbild sehen. Man kann darauf zeigen. Man kann sich darin wiederfinden. Ein Wert, den man als Stockwerk vor sich hat, fühlt sich anders an als ein Wort auf einer Liste.

Visualisiertes Führungsleitbild der BREBAU Bremen von Diana Soriat
Das Führungsleitbild der BREBAU als Haus – die Werte tragen das Gebäude.

Genau das ist die Aufgabe von Visualisierung im Unternehmenskontext: Sie macht Identität sichtbar. Sie gibt einem Gedanken einen Ort. Solche Leitbild-Visualisierungen sind ein fester Teil meiner Arbeit – ich nenne sie strategische Visualisierung. Und sie sorgen dafür, dass etwas Abstraktes im Kopf bleibt, statt gleich wieder zu verblassen.

Warum Visualisierung wirklich wirkt

Drei Projekte, drei Welten – und jedes Mal passiert im Kopf des Betrachters dasselbe. Das ist kein Zufall und auch kein Zauber. Es hat damit zu tun, wie unser Gehirn arbeitet.

Wir verarbeiten Bilder blitzschnell. Viel schneller als Text. Und wir merken sie uns deutlich besser. Deshalb erinnerst du dich an das Gesicht eines Menschen, aber nicht an seinen Namen. Ein Bild und ein Wort zusammen sind stärker als das Wort allein – die Fachwelt nennt das duale Codierung. Für dich heißt es einfach: Was du siehst und liest, bleibt hängen.

  • Sie reduziert Komplexität. Aus „Standardisierung in der öffentlichen Beschaffung“ wird ein Bild, das die wichtigsten Punkte auf einen Blick zeigt. Weglassen ist dabei die halbe Arbeit.
  • Sie schafft Überblick. Ein Bild zeigt Zusammenhänge, die in einer Textwüste untergehen. Man sieht, was mit was zusammenhängt.
  • Sie funktioniert über Sprachgrenzen hinweg. Der Kita-Kiosk ist das beste Beispiel: Ein Bild erreicht Menschen, die ein Text niemals erreichen würde.

Und noch etwas, das oft unterschätzt wird: Visualisierung macht Dinge emotional greifbar. Ein Leitbild als Haus berührt anders als ein Leitbild als Aufzählung. Wir sind nun mal Wesen, die in Bildern denken – lange bevor wir lesen und schreiben gelernt haben.

Was KI (noch) nicht kann

Jetzt zu der Frage, die mir gerade wirklich jede Woche gestellt wird: „Diana, macht das nicht bald alles die KI?“

Ich bin da ehrlich. KI kann heute erstaunliche Bilder erzeugen. Auf Knopfdruck, in Sekunden, oft richtig hübsch. Und ich finde das nicht bedrohlich, sondern spannend. Für manche Aufgaben ist das großartig.

Aber es gibt einen Unterschied, der sich nicht wegautomatisieren lässt. KI erzeugt ein Bild aus einem Prompt. Graphic Recording und Illustration entstehen aus Zuhören. Beim XSE-Dialog saß ich zwei Tage in diesem Raum und habe in jedem Moment entschieden, was wichtig ist und was nicht. Diese Entscheidung – dieses Filtern in Echtzeit – ist die eigentliche Leistung. Nicht die Striche, sondern das Denken dahinter.

Eine KI war nicht dabei. Sie kennt dieses eine Gespräch nicht, mit diesen Menschen, mit dieser Betonung, mit dem einen Satz, bei dem plötzlich alle im Raum genickt haben. Ein Graphic Recording hält genau das fest: nicht irgendein Bild zum Thema, sondern dieses. Und dann ist da noch die Sache mit der Linie. Meine Zeichnungen sind nicht perfekt. Genau das ist kein Mangel – das ist der Grund, warum Menschen sich darin wiedererkennen. Beim AWO-Kiosk war das entscheidend: Die Familien sollen sich gesehen fühlen, nicht abgebildet. Das kommt nicht aus einem Prompt. Das entsteht im Raum, mit der Hand, im Moment.

Deshalb schreibe ich „noch“ in die Überschrift – aber ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass sich das so bald ändert. Weil der Wert nicht im fertigen Bild liegt, sondern im Weg dahin.

Und was hat das mit dir zu tun?

Vielleicht denkst du jetzt: Schön für die AWO und die BREBAU, aber ich beauftrage ja keine Graphic Recorderin. Der Punkt ist: Visualisierung ist kein Spezialwerkzeug für große Auftraggeber. Es ist eine Art zu denken, die jeder nutzen kann.

Genau darum geht es bei Sketchnotes und beim Bullet Journal, die ich seit Jahren in Workshops unterrichte. Du musst nicht zeichnen können. Du brauchst keine Kunst. Du brauchst nur die Bereitschaft, einen Gedanken sichtbar zu machen, statt ihn im Kopf kreisen zu lassen. Ein einfacher Pfeil, ein Kasten, ein Strichmännchen – und plötzlich ist eine Idee nicht mehr nur ein Gefühl, sondern etwas, auf das du zeigen kannst.

Was im Großen für einen Kongress funktioniert, funktioniert im Kleinen für deine Wochenplanung, deine Notizen, deine Ideen. Der Mechanismus ist derselbe: Sichtbares bleibt. Sichtbares lässt sich ordnen. Und Sichtbares nimmt dir ein Stück von dem Lärm im Kopf ab. Das ist der Grund, warum ich das mache – im Großen wie im Kleinen.

Fazit: Bilder bleiben, wenn Worte längst weg sind

Drei Projekte, ein roter Faden. Ob Fachkongress, Kita-Anmeldung oder Führungsleitbild: Visualisierung nimmt etwas Kompliziertes, Flüchtiges oder Abstraktes und macht daraus etwas, das man sehen, verstehen und behalten kann.

Das ist keine Deko. Das ist ein Werkzeug, um Menschen zu erreichen – über Sprachgrenzen, über Aufmerksamkeitsgrenzen, über das Vergessen hinweg.

Wenn du ein Thema hast, das im Kopf deiner Leute hängen bleiben soll – eine Veranstaltung, ein Leitbild, eine komplexe Botschaft – dann lass es uns sichtbar machen. Schreib mir einfach, ich freue mich über deine Nachricht.

Deine Diana, ich zeichne dann mal was.

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