Warum das Bullet Journal von einem ADHS-Gehirn erfunden wurde – und warum das kein Zufall ist

alle Blogbeiträge, Bullet Journal, Neurodivergenz

Diana Soriat beim Schreiben in ihrem Bullet Journal – ADHS und Selbstorganisation

Das Bullet Journal wurde von jemandem mit ADHS entwickelt. Ryder Carroll hat es nicht als hübsches Planer-System für Instagram erfunden, sondern weil er selbst verzweifelt nach einer Methode gesucht hat, mit der sein Kopf klarkommt. Und genau das ist der Grund, warum es für so viele neurodivergente Menschen funktioniert, während klassische Kalender und Planer scheitern.

Ich weiß das nicht nur aus der Theorie. Ich habe mit 49 die Diagnose ADHS bekommen – nach einem Leben, in dem ich mich ständig gefragt habe, warum „normale“ Planungssysteme bei mir einfach nicht halten. Rückblickend ergibt vieles plötzlich Sinn. Auch, warum ausgerechnet das Bullet Journal das einzige System ist, das ich seit Jahren konsequent nutze.

Die Geschichte hinter dem System

Ryder Carroll hat als Kind und Jugendlicher jahrelang gebraucht, um Strategien zu entwickeln, mit denen er in der Schule und im Job funktionieren konnte. Die Diagnose ADHS bekam er früh, aber die Werkzeuge, die es damals gab, waren für ihn nutzlos. Klassische Kalender gehen davon aus, dass du im Voraus weißt, was wichtig wird. Klassische To-do-Listen gehen davon aus, dass eine Liste von gestern auch heute noch stimmt.

Für ein ADHS-Gehirn stimmt beides oft nicht. Das Bullet Journal, das Carroll für sich selbst entwickelt hat, ist deshalb kein Produktivitätssystem im klassischen Sinn. Es ist ein Denkwerkzeug, das mit der Unvorhersehbarkeit arbeitet, statt gegen sie anzukämpfen.

Das macht das System so besonders: Es wurde nicht von jemandem entworfen, der Struktur liebt und sie anderen aufdrücken möchte. Es wurde von jemandem entworfen, der Struktur brauchte, um überhaupt handlungsfähig zu sein – und der genau wusste, wie sich das anfühlt, wenn ein System einen im Stich lässt.

Bullet Journal bei ADHS

Warum klassische Planer bei ADHS scheitern

Ich habe vor meinem Bullet Journal so ziemlich jedes System ausprobiert, das es gibt. Hübsche Kalender mit vorgedruckten Wochenübersichten. Apps mit Erinnerungsfunktion. Filofax-artige Systeme mit festen Kategorien. Keins davon hat länger als ein paar Wochen gehalten.

Der Grund liegt in der Struktur dieser Systeme selbst. Ein vorgedruckter Kalender geht davon aus, dass jede Woche gleich viel Platz braucht – für mich stimmt das nie. Manche Wochen habe ich drei Termine und einen Kopf voller Ideen, die alle sofort notiert werden müssen. Andere Wochen ist einfach nur Alltag, und der ganze vorgedruckte Platz bleibt leer und starrt mich an wie ein Vorwurf.

Dazu kommt: Sobald ein System vorgibt, wie es auszusehen hat, entsteht Druck – und Druck ist bei ADHS oft der schnellste Weg, ein System ganz aufzugeben. Warum Struktur allein deshalb nicht reicht und was stattdessen hilft, habe ich hier ausführlich aufgeschrieben: Bullet Journal bei ADHS – warum Struktur allein nicht reicht.

Das Bullet Journal dagegen hat fast keine Vorgaben. Es gibt dir ein Grundgerüst – und den Rest füllst du so, wie es gerade passt.

Auch die vielen Apps, die ich ausprobiert habe, sind letztlich an einem ähnlichen Problem gescheitert. Sie verlangen, dass man Aufgaben in Projekte, Tags oder Prioritätsstufen einsortiert, bevor man sie überhaupt notieren darf. Für ein Gehirn, das sowieso schon Mühe hat, einen Gedanken lange genug festzuhalten, ist diese zusätzliche Entscheidungsebene oft der Punkt, an dem die Notiz gar nicht erst entsteht – der Gedanke ist einfach wieder weg, während man noch überlegt, in welchen Ordner er gehört.

Was Rapid Logging eigentlich löst

Das Herzstück des Systems ist das sogenannte Rapid Logging: kurze Notizen, Symbole für Aufgaben, Termine und Notizen, alles in einer einzigen fortlaufenden Liste. Kein Ausfüllen von Formularen, kein Einsortieren in Kategorien, bevor man überhaupt weiß, wohin ein Gedanke gehört.

Für mich ist das der entscheidende Punkt. Wenn ein Gedanke oder eine Aufgabe auftaucht, habe ich oft nur ein kleines Zeitfenster, in dem ich sie überhaupt noch greifen kann, bevor sie wieder verschwindet. Rapid Logging verlangt in diesem Moment nichts weiter als: einen Punkt, ein paar Worte, fertig. Keine Entscheidung, in welche Spalte das jetzt gehört. Keine Unterbrechung des Gedankens durch die Frage, wie man ihn „richtig“ einträgt.

Das klingt banal, ist es aber nicht. Gerade weil so viele Systeme genau an dieser Stelle scheitern: Sie wollen, dass du erst denkst, wie du strukturierst, und dann erst strukturierst, was du denkst. Das Bullet Journal dreht diese Reihenfolge um.

Diese Reibungslosigkeit unterschätzen viele. Aber genau sie entscheidet bei ADHS oft darüber, ob ein System im Alltag überlebt oder nach zwei Wochen in der Schublade landet. Jeder zusätzliche Schritt zwischen Gedanke und Notiz ist eine Gelegenheit, den Gedanken zu verlieren.

Die Symbole selbst sind dabei bewusst minimal gehalten – so wenige, dass man sie nach zwei Tagen im Kopf hat. Kein Farbcode, den man sich merken muss, kein Regelwerk, das man erst nachschlagen muss, bevor man schreiben darf. Genau diese Reduktion macht das System so schnell, und Schnelligkeit ist bei ADHS oft wichtiger als Schönheit. (Auch wenn ich persönlich meine Legende inzwischen mit Sketchnotes erweitert habe.) Wie mein eigener Key aussieht und wie du dir deinen baust, zeige ich dir hier: Bullet Journal Symbole: meine Key Codes als Fokus-Anker bei ADHS.

Rapid Logging Bullet Journal ADHS

Die Migration als Geheimwaffe

Ein Teil des Systems, den viele belächeln, ist die sogenannte Migration: Am Ende eines Monats schreibst du unerledigte Aufgaben von Hand in den neuen Monat um. Klingt nach unnötiger Mehrarbeit. Ist es aber nicht – zumindest nicht für mich.

Das Umschreiben ist tatsächlich eine eingebaute Filterfunktion. Wenn ich eine Aufgabe zum dritten Mal von Hand abschreiben muss, merke ich meistens ziemlich schnell: Entweder ist sie mir gar nicht mehr wichtig – dann streiche ich sie. Oder sie ist mir wichtig, aber ich habe sie die letzten Wochen konsequent vermieden – dann ist das ein Signal, genauer hinzuschauen, warum.

Bei einem digitalen System, das Aufgaben automatisch weiterschiebt, passiert dieser Moment der Reflexion nie. Die Aufgabe wandert einfach unsichtbar mit, Woche für Woche, ohne dass ich sie noch einmal bewusst wahrnehme. Die Migration zwingt mich, jede offene Aufgabe wenigstens einmal im Monat wirklich anzuschauen. Für ein Gehirn, das sonst leicht „aus den Augen, aus dem Sinn“ funktioniert, ist das enorm wertvoll.

Meine eigene Wochenübersicht: Warum simpel gewonnen hat

Als ich mit dem Bullet Journal angefangen habe, sah meine Wochenübersicht jede Woche anders aus. Mal mit Spalten, mal mit Kästchen, mal mit kleinen Zeichnungen an den Rändern. Ich habe ausprobiert, verworfen, neu angefangen – auch, weil ich dachte, das gehöre irgendwie dazu.

Heute nutze ich fast immer dasselbe, sehr simple Layout. Nicht, weil mir die Ideen ausgegangen wären, sondern weil ich gemerkt habe: Genau diese Wiederholung ist es, die für mich funktioniert. Jede Woche neu zu überlegen, wie die Seite aussehen soll, war ein zusätzlicher Entscheidungsschritt – und jede Entscheidung, die ich nicht treffen muss, ist mentale Energie, die ich für etwas anderes habe.

Das ist auch eine Erkenntnis, die ich aus meiner eigenen ADHS-Reise mitgenommen habe: Kreativität und Struktur schließen sich nicht aus, sie verteilen sich nur unterschiedlich. Meine Kreativität passiert heute in dem, was ich in mein Journal hineinschreibe und zeichne – nicht mehr darin, wie das Grundgerüst aussieht. Das Layout darf langweilig sein. Der Inhalt ist es nie.

Wenn du also mit deinem Bullet Journal startest und merkst, dass du ständig neue, aufwendigere Layouts ausprobierst – frag dich ehrlich, ob das Gestalten selbst dir Freude macht, oder ob es dich eigentlich vom Eintragen abhält. Beides ist okay. Aber es lohnt sich, es zu wissen.

Schlichte Bullet Journal Wochenübersicht als Beispiel für ADHS-gerechte Selbstorganisation

Warum es kein starres System ist, sondern ein Denkwerkzeug

Das Bullet Journal wird oft als Organisationssystem verkauft. Ich glaube, das trifft es nicht ganz. Es ist eher ein Denkwerkzeug – ein Ort, an dem Gedanken erst einmal landen dürfen, bevor sie sortiert werden müssen.

Genau das unterscheidet es von den meisten digitalen Tools, die Struktur von Anfang an verlangen. Das Bullet Journal erlaubt Chaos auf der Seite und Ordnung im Kopf – nicht andersherum. Für ein neurodivergentes Gehirn, das oft schneller denkt, als es strukturieren kann, ist das ein Unterschied, der alles verändert.

Es geht nicht darum, ein perfektes System zu führen. Es geht darum, ein System zu haben, das mitgeht, wenn der Kopf gerade woanders ist. Und genau deshalb funktioniert es – nicht trotz, sondern wegen der Unordnung, die es zulässt.

Wenn du selbst neurodivergent bist und schon mehrere Planungssysteme ausprobiert und wieder aufgegeben hast: Das lag wahrscheinlich nicht an dir. Es lag am System. Vielleicht ist das Bullet Journal, so wie Ryder Carroll es einmal für sich selbst gebraucht hat, auch für dich der erste Ansatz, der nicht gegen dein Gehirn arbeitet, sondern mit ihm.

Wenn du es selbst ausprobieren willst

Du brauchst dafür kein besonderes Notizbuch und keine Stifte-Sammlung. Ein ganz normales Heft reicht, um zu spüren, ob das Prinzip für dich funktioniert. Ein paar Dinge, die mir am Anfang geholfen haben:

Fang mit einer einzigen fortlaufenden Liste an, ohne sie vorher in Kategorien zu unterteilen. Schreib einfach auf, was ansteht – Aufgabe, Termin oder Gedanke, alles untereinander. Die Sortierung passiert später, nicht beim Schreiben.

Gib dir bewusst die Erlaubnis, hässlich zu schreiben. Durchgestrichenes, schiefe Zeilen, spontane Pfeile, die zwei Punkte miteinander verbinden – das ist kein Fehler im System, das ist das System.

Und probiere die Migration wirklich aus, auch wenn sie nach Mehraufwand klingt. Gerade der erste Monatswechsel zeigt oft am deutlichsten, welche Aufgaben dir wirklich wichtig sind – und welche du eigentlich nur aus Pflichtgefühl mitgeschleppt hast.

Wenn du magst, erzähl mir gerne, wie deine Wochenübersicht aussieht – ob wild und bunt oder inzwischen genauso reduziert wie meine. Beides ist richtig, solange es dir hilft, statt dich unter Druck zu setzen.

Deine Diana, ich zeichne dann mal was.

Sketch Stuff Shop

Lust, deine Ideen aufs Papier zu bringen?
Im Sketch Stuff Shop findest du alles, was du dafür brauchst: Von liebevoll ausgewählten Stiften über Journals und Bücher bis hin zu kleinen Schätzen fürs Bullet Journaling.

Workshops

Willst du lernen, wie du deine Ideen sichtbar machst? In meinen Workshops zeige ich dir, wie Sketchnotes & Bullet Journaling ganz leicht von der Hand gehen, auch wenn du glaubst, du könntest nicht zeichnen.

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert