Kennst du diesen Moment, wenn du morgens auf deine To-do-Liste schaust und dein Kopf sofort losrennt? Punkt eins: anrufen. Ach, und Punkt sieben, das ist eigentlich dringender. Aber Punkt zwölf wollte ich doch heute auch noch — und wo war nochmal der Zettel mit dem anderen Ding? Drei Sekunden auf einer vollen Seite, und mein Gehirn ist schon vom Hundertsten ins Tausendste gerutscht. Angefangen habe ich: nichts.
Ich kenne diesen Moment sehr gut. Und ich habe ein kleines, fast lächerlich einfaches Werkzeug gefunden, das ihn stoppt. Es ist kein neues System, keine App, keine Methode mit kompliziertem Namen. Es ist ein Symbol. Ein winziges Zeichen neben einem Aufgabenpunkt — und mein Blick weiß plötzlich, wo er andocken soll.
In diesem Artikel zeige ich dir, wie ich aus den klassischen Bullet Journal Symbolen meine eigenen Key Codes mache — wie ich also Ryder Carrolls Key mit eigenen Symbolen erweitere, warum diese Symbole für mein ADHS-Gehirn wie Schutzwände gegen Ablenkung funktionieren und wie du dir nach und nach dein eigenes kleines Set aufbaust. Versprochen: Du brauchst dafür nicht zeichnen können. Du brauchst nur einen Stift und die Bereitschaft, deine Liste anders zu lesen.
Wenn du schon mal mit dem Bullet Journal in Berührung gekommen bist, kennst du sie wahrscheinlich: die kleinen Symbole, mit denen man im Rapid Logging arbeitet. Ryder Carroll, der Erfinder der Methode, nennt diese Symbol-Legende den „Key“. Im Deutschen liest man oft „Schlüssel“ oder „Legende“.
Die Grundlogik ist herrlich schlicht. Ein Punkt steht für eine Aufgabe. Ein Kreis für einen Termin. Ein Strich für eine Notiz, also etwas, das du dir nur merken willst. Aus diesen drei Zeichen baut sich dein ganzer Alltag auf. Ist eine Aufgabe erledigt, machst du aus dem Punkt ein Kreuz. Hast du sie verschoben, zeigt ein kleiner Pfeil nach rechts (du hast sie nach vorne migriert) oder nach links (zurück in die Sammlung).
Was ich an diesem System liebe, ist seine Ehrlichkeit. Es will dich nicht beeindrucken. Es ist kein hübsches Layout, das erstmal eine Stunde Vorbereitung braucht. Es ist eine Sprache — schnell, reduziert, sofort verständlich. Genau deshalb funktioniert sie auch unter Druck, wenn der Kopf voll ist und die Zeit knapp.
Aber — und hier fängt mein Teil der Geschichte an — der Original-Key ist für mich eine Basis. Kein Regelwerk. Ryder Carroll selbst sagt, dass jeder seinen Key anpassen soll. Und das habe ich getan. Ziemlich gründlich.
Aber — und hier fängt mein Teil der Geschichte an — der Original-Key ist für mich eine Basis. Kein Regelwerk. Ryder Carroll selbst sagt, dass jeder seinen Key anpassen soll. Und das habe ich getan. Ziemlich gründlich.
Bei mir heißen sie Key Codes
Ryder Carroll nennt sie Key. Bei mir heißen sie Key Codes — und ich erweitere sie mit eigenen Symbolen.
Der Begriff hat sich bei mir über die Jahre so eingeschliffen, und ich finde, er trifft es gut. „Code“ klingt nach einem kleinen Geheimcode, nach etwas, das nur ich auf den ersten Blick entschlüssele. Genau so fühlt es sich an, wenn ich auf meine Seite schaue: Andere sehen eine Liste mit ein paar Kritzeleien. Ich sehe ein sortiertes System.
Und ich glaube, dass diese Erweiterung mehr ist als eine private Spielerei. Sie ist genau die Stelle, an der für mich Bullet Journal und Sketchnotes zusammenkommen — zwei Welten, die ich seit Jahren als Methode miteinander verbinde. Das eine ist Selbstorganisation, das andere visuelles Denken. Key Codes sind der Punkt, an dem beides eins wird.
Warum ich überhaupt erweitere? Weil mir die drei Grundzeichen nicht genug erzählen. Ein Punkt sagt mir „das ist eine Aufgabe“. Aber er sagt mir nicht, welche Art von Aufgabe. Und für mein Gehirn ist genau das die entscheidende Information. Nicht „was muss ich tun“, sondern „in welchem Modus muss ich dafür sein“.
Bullet Journal Symbole als visuelle Anker — das Prinzip
Hier kommt der Gedanke, um den sich alles dreht: Bullet Journal Symbole sind bei mir keine Deko und auch nicht einfach nur eine Abkürzung. Sie sind visuelle Anker.
Ein Anker ist etwas, an dem dein Blick festhält. Stell dir vor, du suchst in einem Text ein einzelnes Wort, das rot markiert ist. Du musst den Text nicht lesen. Dein Auge springt sofort zur roten Stelle, ganz von allein. Du filterst, ohne es bewusst zu tun.
Genau das machen meine Key-Code-Symbole. Sie verwandeln meine To-do-Liste von etwas, das ich lesen muss, in etwas, das ich scannen kann. Statt Zeile für Zeile durchzugehen — und an jeder Zeile hängenzubleiben, abzuschweifen, mich zu verzetteln — suche ich gezielt nach einem Symboltyp. Alles andere darf in dem Moment unsichtbar bleiben.
Das ist der Unterschied zwischen Deko und Filter. Ein dekoratives Symbol macht die Seite hübscher. Ein Filter-Symbol verändert, wie ich die Seite benutze. Es trifft eine Vorauswahl für mich, bevor mein Kopf die Chance hat, sich zu verlieren.
Und das Schöne: Was ich gerade ausblende, ist ja nicht weg. Es steht da, sicher notiert, schwarz auf weiß. Ich muss es nicht im Kopf behalten. Diese Entlastung ist riesig — und genau hier hängt sich dieser Artikel an einen anderen ein. Wenn du das Gefühl kennst, dass dein Kopf wie ein Browser mit zu vielen offenen Tabs ist, dann hilft dir vorher eine gute Brain-Dump-Übung, alles erstmal aus dem Kopf aufs Papier zu bringen. Die Key Codes sind dann der zweite Schritt: Sie sortieren das, was du ausgeleert hast, in ansteuerbare Häppchen.
Wie ich das konkret nutze
Jetzt wird es praktisch. Ich zeige dir drei Symbole aus meinem eigenen Alltag. Sie sind nicht spektakulär — und das ist genau der Punkt. Es geht nicht um schöne Zeichen, sondern um die Frage dahinter: Welchen Arbeitsmodus steuere ich damit an?
Der Telefonhörer
Ich nutze weiterhin Ryder Carrolls Punkt für eine Aufgabe. Aber bei allem, wo ich telefonieren muss, setze ich einen kleinen Telefonhörer leicht ein- oder ausgerückt daneben.
Telefonieren ist für mich so ein eigener Modus. Ich muss mich überwinden, ich muss den Kopf frei haben, ich muss in der richtigen Stimmung sein. Und wenn ich diese Stimmung habe — oder mir bewusst ein Zeitfenster dafür blocke — dann passiert Folgendes: Ich lese nicht die ganze Liste. Ich suche auf der Seite nur die Telefonhörer und arbeite die nacheinander ab.
Ich filtere visuell. Die anderen zwanzig Punkte auf der Seite? Existieren in diesem Moment für mich nicht. Sie können mich nicht ablenken, weil ich sie gar nicht ansteuere. Ich bin im Telefonier-Modus, und mein Blick kennt nur ein Symbol.
Die kleine Uhr
Eine kleine Uhr neben einer Aufgabe heißt bei mir: Das ist zeitkritisch. Das hat ein Ablaufdatum, das duldet keinen Aufschub.
Und hier nutze ich den Anker anders herum — als Sortier-Hilfe für den allerersten Blick. Bevor ich überhaupt anfange, die ganze Liste zu lesen, gucke ich zuerst nach den Uhren. Mein Blick hat einen klaren ersten Anlaufpunkt. Statt mich auf der vollen Seite zu verlieren und mit dem zu starten, was zufällig oben steht oder am meisten Spaß macht, weiß ich sofort: Diese hier zuerst.
Für ein Gehirn, das Prioritäten gern verwechselt und sich gern an die angenehmste statt an die dringendste Aufgabe hängt, ist das Gold wert. Die Uhr nimmt mir die Entscheidung ab, womit ich anfange.
Das Euro-Zeichen
Das dritte Beispiel ist mein Liebling, weil es so klar zeigt, worum es geht. Wenn ich mein Rechnungsprogramm öffne, will ich Rechnungen schreiben. Und nichts anderes.
Mit dem Euro-Zeichen filtere ich genau die To-dos heraus, bei denen es um Kundenrechnungen geht. Ich setze mich hin, öffne das Programm, scanne die Seite nach dem €-Symbol — und arbeite genau diesen Stapel ab. Ein Kontext, ein Symbol, ein Arbeitsmodus. Kein Hin- und Herspringen zwischen Rechnung, E-Mail, Anruf und „och, das könnte ich jetzt auch mal eben“.
Genau dieses „eben mal etwas anderes“ ist ja der Anfang vom Abdriften. Das €-Symbol baut eine kleine Wand drumherum: In diesem Zeitfenster gibt es nur das Geld-Thema.
Das gemeinsame Prinzip
Wenn du die drei Beispiele nebeneinanderlegst, siehst du, dass bei allen dasselbe passiert. Ich entscheide mich für einen Arbeitsmodus — telefonieren, das Dringende, Rechnungen — und steuere dann visuell gezielt die passenden Punkte an. Das Symbol ist der Anker, an dem mein Blick andockt. Alles andere darf in dem Moment ruhig unsichtbar bleiben.
Das ist der entscheidende Unterschied zu einer normalen Liste. Eine normale Liste zwingt mich, alles auf einmal zu sehen. Meine Key Codes erlauben mir, nur das zu sehen, was gerade dran ist.
Das ist der entscheidende Unterschied zu einer normalen Liste. Eine normale Liste zwingt mich, alles auf einmal zu sehen. Meine Key Codes erlauben mir, nur das zu sehen, was gerade dran ist.
Diese können sich auch verändern. Hier siehst du meine Key Codes sowie auch Farbcodes, die ich vor 5 Jahren noch so benutzt habe. Mittlerweile benutze ich keine Kästchen mehr, sondern nur noch die Zeichen.
Jetzt kommen wir zum Kern, warum mir dieses kleine System so viel bedeutet. Ich habe ADHS — diagnostiziert spät, mit 49. Und eines der Dinge, die mein Gehirn zuverlässig tut, ist Folgendes: Beim Lesen einer To-do-Liste springt es vom einen zum nächsten. „Das will ich machen — ach, und das auch — und was war nochmal mit dem da…“ Und ehe ich mich versehe, bin ich vom Hundertsten ins Tausendste gerutscht und habe nicht eine einzige Sache angefangen.
Das ist kein Mangel an Disziplin und kein Willensproblem. Es ist einfach die Art, wie Aufmerksamkeit bei mir funktioniert. Reize ziehen, alle gleichzeitig, alle gleich laut. Eine volle Liste ist für mein Gehirn nicht eine Aufgabe nach der anderen — sie ist ein Chor, der durcheinanderredet.
Symbole als visuelle Anker durchbrechen genau diesen Mechanismus. Ich muss die Liste nicht mehr linear von oben nach unten lesen und an jedem Punkt hängenbleiben. Ich scanne nach einem Symboltyp. Ich gebe meinem Blick eine einzige Aufgabe — „finde die Telefonhörer“ — und damit gebe ich auch meiner Aufmerksamkeit eine einzige Aufgabe. Der Chor wird leiser, weil nur noch eine Stimme zählt.
Ich will ADHS hier nicht romantisieren. Es gibt Tage, da hilft kein noch so schönes System, und das gehört zur Ehrlichkeit dazu. ADHS ist eine echte Herausforderung, und ich tue niemandem einen Gefallen, wenn ich so tue, als wäre es nur eine charmante Eigenart. Aber es gibt eben auch die andere Seite: Mein Gehirn denkt stark visuell. Es liebt Bilder, Symbole, Farben. Und genau diese Stärke spiele ich mit den Key Codes bewusst aus. Ich baue mein Organisationssystem nicht gegen mein Gehirn, sondern entlang seiner Vorlieben.
Das ist übrigens auch der Grund, warum für mich ein analoges Bullet Journal so viel besser funktioniert als jede digitale Lösung. Wenn du tiefer verstehen willst, warum Struktur bei ADHS allein nicht reicht und es auf das richtige Zusammenspiel ankommt, habe ich dazu schon ausführlicher geschrieben — die Key Codes sind sozusagen ein konkretes Werkzeug aus genau dieser Denkrichtung.
Und hier schließt sich für mich der Kreis zwischen meinen beiden Welten: Genau weil ich visuell denke und zeichne, liegt es für mich nahe, mein Organisationssystem visuell statt rein textlich zu bauen. Das ist Sketchnotes und Bullet Journal in der Praxis, ineinander verschränkt. Kein Entweder-oder, sondern ein Werkzeug, das aus beidem entsteht.
Bau dir deine eigenen Key Codes
Vielleicht juckt es dich jetzt in den Fingern und du willst sofort zwanzig Symbole erfinden. Mein ehrlicher Rat: Tu das nicht. Bei den eigenen Bullet Journal Symbolen gilt: Weniger ist mehr — gerade hier.
Ein Symbol-System, das zu groß wird, kippt ins Gegenteil. Dann sitzt du vor deiner Liste und überlegst erstmal, welches Symbol du jetzt malen sollst, statt einfach loszulegen. Dann ist aus dem Filter wieder eine zusätzliche Hürde geworden. Das willst du nicht.
Fang deshalb mit dem Basis-Set an: Punkt, Kreis, Strich. Lebe damit ein, zwei Wochen. Spür, wie sich das anfühlt. Und dann — und nur dann — ergänze, was sich im Alltag wirklich aufdrängt.
Die richtige Frage ist nicht „welche Symbole wären schön?“, sondern „welcher Arbeitsmodus kommt bei mir ständig vor und kostet mich jedes Mal Überwindung?“. Bei mir war das Telefonieren. Bei dir ist es vielleicht alles rund um die Kinder, oder alles, was mit dem Haushalt zu tun hat, oder jede Aufgabe, die du nur am Schreibtisch erledigen kannst. Genau dafür lohnt sich ein eigenes Symbol.
Drei Tipps, die mir geholfen haben:
Halte die Symbole einfach. Sie müssen in einer Sekunde hinkritzelbar sein. Ein Telefonhörer, eine Uhr, ein Eurozeichen — keine Kunstwerke. Wenn du beim Malen nachdenken musst, ist das Symbol zu kompliziert.
Ein Symbol pro Modus, nicht pro Thema. Frag dich, in welchem Zustand oder an welchem Ort du die Aufgabe erledigst. Symbole, die einen Arbeitsmodus markieren, sind viel kraftvoller als Symbole für inhaltliche Kategorien.
Behalte, was hilft. Verwirf, was stresst. Wenn ein Symbol sich nach drei Wochen nie wirklich nützlich angefühlt hat, lass es weg. Dein System dient dir, nicht umgekehrt. Genau das sage ich auch immer in meinen Workshops: Es gibt kein „richtig“. Es gibt nur das, was für dich funktioniert.
Hier siehst du mögliche Keycodes für Schüler oder Studenten.
Zum Schluss
Ein Symbol ist kein Schnörkel. Es ist ein Anker, mit dem dein Blick gezielt eine Art von Aufgabe ansteuert und alles andere für einen Moment ausblenden darf. Für ein Gehirn, das beim Anblick einer vollen Liste sofort losrennt, ist das kein netter Bonus — es ist ein echter Schutzmechanismus.
Ryder Carrolls Key hat mir die Sprache gegeben. Meine Key Codes haben mir den Fokus dazugegeben. Und das Schönste daran ist, dass du nichts dafür kaufen musst und nicht zeichnen können musst. Du brauchst nur einen Stift, ein bisschen Mut zum Ausprobieren und die Bereitschaft, deine Liste nicht mehr zu lesen, sondern zu scannen.
Wenn du magst, fang heute mit einem einzigen Symbol an. Nur einem. Such dir den einen Arbeitsmodus, der dich am meisten Überwindung kostet, und gib ihm ein Zeichen. Und dann erzähl mir gern, wie es bei dir läuft — ich bin wirklich neugierig.
Deine Diana, ich zeichne dann mal was.
Sketch Stuff Shop
Lust, deine Ideen aufs Papier zu bringen? Im Sketch Stuff Shop findest du alles, was du dafür brauchst: Von liebevoll ausgewählten Stiften über Journals und Bücher bis hin zu kleinen Schätzen fürs Bullet Journaling.
Willst du lernen, wie du deine Ideen sichtbar machst? In meinen Workshops zeige ich dir, wie Sketchnotes & Bullet Journaling ganz leicht von der Hand gehen, auch wenn du glaubst, du könntest nicht zeichnen.
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